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Tips & Tricks

Wichtig für Neueinsteiger!

 

 


Kapitel 1 - Tod eines Kriegers, Trauer einer Familie

Im Jahre 1371 wurde Xiao Hongwan, ein erfahrender und weiser Krieger aus dem weit entfernten Daxia, von Zhu Yuanzhang mit einem äußerst riskanten Auftrag bedacht. Xiaos Aufgabe konnte niemanden sonst anvertraut werden, da sie außerordentliches Geschick und Gewandtheit erforderte. Ziel der Mission Xiaos war das Leben des obersten Generals von Bei Yuan, Wang Bao Bao; er sollte im Schlaf umgebracht werden, und das inmitten seiner gewaltigen Armeen.

Lediglich von seinem Gespür geleitet, drang Xiao mit seinen Gefolgsleuten in das Lager des Generals ein. Sie schlichen sich durch die Reihen der kampferprobten Soldaten und es gelang ihnen, den gefürchteten General im Schlaf zu beseitigen. Doch wenig später nach diesem entscheidenden Schlag geriet Daxia Xiao Hongwan zusammen mit seinen Gefolgsleuten in einen Hinterhalt. Vor die Wahl gestellt, sich zu ergeben oder die totale Vernichtung seines Gefolges in Kauf zu nehmen, fand er stattdessen eine geniale Strategie, den Rückzug seiner Männer zu ermöglichen.

Da seine Mission nun erfüllt war, war der Daxia bereit, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen und seinen Gefolgsleuten mit seinem eigenen Blut Zeit zu erkaufen. Besessen von grimmigem Zorn, erhob er seine Fäuste und stieß einen furchterregenden Kampfschrei gen Himmel, bevor er sich auf die Gegner stürzte. Sein einziges Ziel war es, seinen Tod so lange wie möglich hinauszuzögern, da jede Sekunde den Unterschied zwischen Freiheit und sicherem Tod seiner Getreuen bedeuten konnte. Hongwan schulterte die epische Aufgabe mit heroischem Mut und warf seine Angreifer reihenweise mit tödlicher Bestimmtheit zu Boden. Gerade als es so schien, als könnte Xiao den Kampf vielleicht sogar überstehen, stürzten sich ein Duzend Männer gleichzeitig auf ihn und versetzten ihm mehrere tödliche Wunden. Blutüberströmt starrte er ins Rund der Meute und lachte dann triumphierend auf, bevor sein Gesicht aschfahl erbleichte und er tot zu Boden sank.

Die Offiziere des Daxia Xiao, die ihrem furchtlosen Anführer bis in den Tod ergeben waren und nur auf seinen unmissverständlichen Befehl hin geflohen waren, setzten nun ihr eigenes Leben aufs Spiel und holten den leblosen Körper Xiaos zurück. Seinem letzten Wunsch gemäß arrangierten sie die Beisetzung in einem stillen Landstrich der Zentralebene, in einem abgelegenen, friedlichen Dorf, von dem er einmal gesprochen hatte. Als Xiaos Witwe Ding Huanfeng von seiner Niederlage unterrichtet wurde, war sie sehr bestürzt und verbittert. Aber als sie dann erfuhr, dass die Gefolgsleute ihres Mannes geflohen waren und ihren Anführer derartig einer Übermacht ausgeliefert und dem sicheren Tod preisgegeben hatten, schwang ihre Trauer über den Verlust rasch in Verärgerung um.

Bei seinem Ableben hinterließ Xiao Hongwan zwei kräftige Söhne. Sein ältester Sohn Xiao Tianfang wurde von einem Ältesten der Bettlersekte im Kung-Fu unterrichtet und zeigte großes Talent. Der jüngere Sohn Xiao Tianqing, der erst neun Jahre alt war, lebte bei seiner Mutter Ding Huanfeng. Ihn brachte sie zu einem alten Freund der Familie — Xiao Qianqiu, der eine Villa auf dem Berg Wansu besaß. Qianqiu war über viele Jahre hinweg in Huanfeng verliebt und war ihr sehr zugetan, und so schwor er feierlich, sich um ihren jüngeren Sohn zu kümmern und ihn zu einem rechten Mann aufzuziehen.

Nachdem nun ihre Kinder versorgt waren, wandte sich Huanfeng schließlich ihrem eigenen ungewissen Schicksal zu. Flüchtig betrachtet mochte man sie wohl als stille und sanfte Frau einschätzen, doch ihr Geist war vom gleichen feurigen Eifer besessen wie der ihres verblichenen Mannes. Da sie nun die Zukunft ihrer Kinder, ihr höchstes Gut, gesichert hatte, beging sie rituellen Selbstmord und folgte ihrem geliebten Mann ins Jenseits.

 

Kapitel 2 - Der Kaiser hintergeht seine Krieger

Siegreich und doch zutiefst erschüttert über den Verlust ihres furchtlosen Anführers, kehrte Xiao Hongwans Gruppe in die Heimat zurück. Ihnen voran ging der berühmte General Guo Jia, ein intelligenter und fähiger Kämpfer, der im ganzen Reich als geschickter Anführer und exzellenter Taktiker bekannt war. Kaiser Zhu Yuanzhang, ein rücksichtsloser und ehrgeiziger Mann, vernahm Kunde von ihrer Heimkehr und lud den General und seine Waffenbrüder zu einem Empfang in seine Residenz. Als die Männer sich zur Beschau aufgestellt hatten, schritt der Kaiser durch ihre Reihen, klopfte ihnen lachend auf die Schultern und gratulierte ihnen zu ihrem Erfolg.

Als er bei Guo Jia angelangt war, hielt er inne, schloss ihn wie einen Bruder in die Arme und verkündete, die Helden sollten als Gäste im Palast verweilen, wo es ihnen an nichts mangeln sollte. Die Männer brachen in Jubel aus - die Pein des Verlustes eines Kameraden gelindert von der Aussicht, die Früchte ihrer Mühen kosten zu dürfen. In seiner Weisheit und Geduld überlegte General Guo Jia jedoch einen Augenblick, ob er das großzügige Geschenk des Kaisers wirklich annehmen sollte.

Seine Gedanken streiften zurück zu seiner Begegnung mit Liu Ji, einem Berater und engen Freund Xiao Hongwans, der dem General vor dem Palast entgegengetreten war. Liu hatte stark geschwitzt, als er auf den General zukam, und wild mit den Armen gerudert, was so gar nicht seinem Rang entsprach. Als der General ihn eindringlich beschwor, doch zu sprechen, brachte Liu Ji unter Mühe eine atemlose Warnung hervor, bevor er seine Narrheit erkannte und versuchte, sich genug zu sammeln, um sein Ansinnen hervorzubringen.

„Dem Kaiser ist nicht zu trauen!“, flüsterte er mit eindringlichem Ton, als ob er eine unglücksvolle Prophezeiung vortragen wollte. Als der General versuchte, mehr zu erfahren, hatten sie schon die Palasttore erreicht und Liu Ji war von der kaiserlichen Garde fortgescheucht worden. Guo Jia hatte in der Zwischenzeit diese Worte immer wieder in seinem Geiste abgewogen, selbst als er nun dem mächtigsten Mann seiner Zeit von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand.

Nach eingehenden Überlegungen und mit zögernder Miene sagte der große General Guo Jia, „Ich bin nur ein alter, müder Söldner, und diese Männer haben mehr Kämpfe erlebt, als je ein Mensch sehen sollte. Wenn eure Eminenz es gestattet, möchte ich erbeten, dass wir zu unseren Familien und Freunden nach Hause zurückkehren dürfen. Euer gnädiges Geschenk ist reine Verschwendung an unsereins, wir ersehnen nichts mehr als unsere Waffen niederzulegen und in der Heimat ein friedlicheres Leben zu führen.“

Der Kaiser, der es nicht gewohnt war, dass seine seltenen großzügigen Gesten abgelehnt wurden, war zwar kurz schockiert, fasste sich aber sofort wieder, wie es nur die Machthabenden beherrschen. Mit hinterhältigem Grinsen nickte er und gestattete ihnen freies Geleit in seinem gesamten Machtbereich, damit sie zu ihren Liebsten heimkehren konnten.

Doch hielt der Kaiser nicht an seiner Macht fest, indem er Ungehorsam duldete. In Gedanken befand er sich bereits auf der Suche nach neuen Wegen, seine Ziele zu erreichen, denn sein Angebot war lediglich ein Faden im Gewebe seiner Intrigen - hatte er doch beabsichtigt, diese Männer in seinen Mauern festzuhalten, damit kein Wort von der Ermordung des Ersten Generals Wang Bao Bao jemals nach draußen dringen würde. Die Ablehnung seines anscheinend großmütigen Angebots ließ ihm nun nur noch eine Wahl - er erließ ein kaiserliches Dekret an die ihm ergebensten Attentäter in den Reihen der kaiserlichen Garden, mit dem Ziel, die einzigen verbliebenen Zeugen seines ursprünglichen Befehls zu überfallen und zum Schweigen zu bringen.

 

Kapitel 3 – Die Blutige Klinge trifft auf eine geschlossene Faust

Siebzehn Jahre nach Daxia Xiao Hongwans Tod und den nachfolgenden Ereignissen wurde der Großmeister des Heiligtums auf dem Schneeberg, Lv Ya aus seiner Schule ausgestoßen, als er begann, eine der abscheulichsten Kung-Fu-Techniken zu praktizieren - die Blutige Klinge. In Ungnade gefallen, floh er beschämt aus der Schule, verbittert ob des Unvermögens seiner Amtsbrüder und Schüler, die Macht dieser neuen Kung-Fu-Technik zu erkennen. So nahm er den Namen „Meister der Blutigen Klinge“ an und schwor sich, dass sie alle letztendlich die Kraft dieser neuen Technik respektieren sollten.

In diesem Winter nahm Lv Ya am berühmten Kung-Fu-Turnier auf dem Feengipfel des Berges Hua teil. Er war fest entschlossen, das Turnier zu gewinnen und so die unglaubliche Macht seiner Technik der Blutigen Klinge unter Beweis zu stellen. Ganz unerwartet traf er jedoch auf Widerstand in Form von fünf anderen Teilnehmern, jeder in seinem ihm eigenen Stil. Sie alle erbrachten eindrucksvoll den Beweis, genauso gewandte Krieger der Kampfkunst zu sein wie er selbst.

Zunächst war da General Guo Jia, einer der engsten Vertrauten von Xiao Hongwan und ein altgedienter Krieger mit vieljähriger Kampferfahrung. Er war der berühmteste und angesehenste der Champions. Bekannt für seine Raffinesse und seine Fähigkeit, die Bewegungen seiner Widersacher vorauszuahnen, war vielen nicht bewusst, welche überraschende Stärke und Gewandtheit er zudem besaß. Er beherrschte die selten praktizierte Nervenpunktattacke und räumte so in den ersten Runden des Turniers seine Gegner schnell aus dem Weg.

Lin Tiannan, Nachkomme einer großen Martial-Arts-Familie, hatte schon seit seiner Kindheit danach gestrebt, der größte Kampfkünstler zu werden, den die Welt je gesehen hatte. Er hatte den Titel Wulin Mengzhu inne, was ihn zum Anführer der Wulin machte. Lin Tiannan war überall hoch angesehen als rechtschaffener und unbezwinglicher Führer, der den Ehrenkodex Xia aufrechterhielt.

Der Mönch Xuan Jian war Mitglied eines bescheidenen Ordens, die ihr Leben dem Bündeln der Seelenenergie durch Kampfkunstpraktiken verschrieben hatten. Sein Leben war gänzlich dem Kung-Fu-Studium gewidmet, und so hatte er bereits 22 der 72 Shaolin-Schriften gemeistert, was für sein Alter eine bis dahin nie dagewesene Leistung darstellte. Seine geistige Stärke und Willenskraft waren so ausgeprägt, dass gemunkelt wurde, man könne gar seine Augen durch einen Raum wandern fühlen, während er die Umstehenden musterte. In der Tat brachte er mit seinem starren Blick mehrere Kämpfer in der ersten Qualifikationsrunde dazu, noch vor dem ersten Angriffsversuch die Waffen zu strecken.

Hei Baizi war allen gänzlich unbekannt und sah sich dem Gespött der Zuschauer ausgeliefert, als er die Arena zum ersten Kampf betrat. Ohne Waffe und mit einer Gestalt, die an ein dürres junges Mädchen erinnerte, maß er gerade mal knapp über einen Meter und wirkte kränklich und schwach. Seine Augen jedoch blitzten und funkelten voller Leben, und sein Lachen, das man oft vernahm, war tief und gewaltig, als ob es einem gestandenen Mann von doppelter Größe gehörte. Mit Kampfbeginn hob sein Gegner die Waffe hoch über seinen Kopf und stürmte voller Wucht geradewegs auf Hei zu. Doch in nur einem kurzen Augenblick war Hei Baizi beiseite getreten und traf seinen Widersacher mit unglaublicher Geschwindigkeit. Augenzeugen dieses Kampfes schworen danach, er hätte aus reiner Luft eine Waffe geschmiedet und den Mann in vollem Schwung umgemäht. Ab diesem Zeitpunkt war er nur noch als Hei Baizi, der Meister der versteckten Waffen bekannt.

Der fünfte und letzte Streiter, der im Kung-Fu-Turnier auf dem Feengipfel außergewöhnliches Können an den Tag legte, war nur als Jiugong-Schwertmeister bekannt. Er hüllte sich fast völlig in zerlumpte Kleidung, sprach wenig mit den Umstehenden und schien stets von Dunkelheit verschleiert. Das Einzige an ihm, was in irgendeiner Weise als bemerkenswert bezeichnet werden konnte, war sein Schwert, denn es wirkte wie ein weiteres seiner Körperteile. So lang wie sein Träger, leuchtete das Schwert mit einem milchigen Glühen, das an den Vollmond erinnerte, und wenn es geschwungen wurde, säuselte es und durchschnitt die Luft so mühelos, wie der Mond den Nachthimmel spaltete.

Diese sechs Meister nun kämpften Tag um Tag, bezwangen einen Herausforderer nach dem anderen und beeindruckten alle, die ihre atemberaubenden Künste mit verfolgen durften. Als sich das Turnier seinem Finale zuneigte, hatten sich die sechs - Lv Ya, General Guo Jia, Lin Tiannan, Mönch Xuan Jian, Hei Baizi und der Jiugong-Schwertmeister - als klare Favoriten auf den Gewinn des Kung-Fu-Turniers herausgeschält. Einer von ihnen würde den begehrten Titel des Turniermeisters davontragen. Der Sieger würde im ganzen Lande Berühmtheit erlangen und Ruhm und Ehre für sich und seinen Kampfstil erringen. Ehrgeizige Schüler würden zu ihnen strömen, um bei ihnen in die Schule zu gehen.

Am letzten Tag des Turniers war es Sitte, dass die letzten sechs Champions die Arena zusammen betraten und so lange miteinander kämpften, bis nur einer siegreich übrig blieb - und damit als Meister des Turniers von Feengipfel ausgerufen würde.

Als nun die sechs Männer das Schlachtfeld betraten, feuerte die Menge ihre Favoriten an, und viele begannen, auf den endgültigen Sieger zu wetten. Jeder der Helden verbeugte sich vor den Mitstreitern, um ihnen Respekt zu zollen, und wünschte den Kontrahenten viel Glück für den nächsten Tag. Es war offensichtlich, dass diese Männer keine Feinde waren, sondern Brüder, selbst wenn sie miteinander kämpfen würden.

Der Kampf begann unter lautem Getöse der Menge. Jeweils zwei der Männer kämpften gegeneinander, und als mehrere schnelle Hiebe ihre Ziele fanden, schien es schon so, als ob die Hälfte der Kämpfer bereits in den ersten paar Minuten des Wettkampfes zu Boden gehen würden. Doch jeder der Männer fand die innere Kraft und das mentale Stehvermögen, den Kampf fortzusetzen. Jeder suchte die günstigste Positionierung, die beste Fußstellung, das ideale Gleichgewicht; jeden kleinsten Vorteil, um zumindest einen Kontrahenten, ein Hindernis auf dem Weg zum endgültigen Sieg aus dem Weg zu räumen. Doch konnte keiner wirklich Boden gut machen - jeder der Champions kämpfte unermüdlich Stunde um Stunde, doch langsam wurde immer deutlicher, dass keiner dieser sechs stärker als die anderen war.

Als die Nacht anbrach, wurden um die Arena herum Fackeln angebracht, damit die Auseinandersetzung weitergehen konnte. Die Menge kauerte sich zusammen, um der Kälte besser zu trotzen. Kalt, müde und hungrig, doch vom heroischen Wettstreit völlig in den Bann gezogen, verschwendete keiner auch nur einen Gedanken daran, nach Hause zu gehen. Als der Morgen graute, zeigten die sechs Mitstreiter immer noch keine Anzeichen, den Kampf zu beenden, so sehr wollten sie ihre Künste unter Beweis stellen. Als die Schlacht schließlich in die vierundzwanzigste Stunde ging, geboten die Organisatoren dem Geschehen Einhalt und verkündeten, dass diese noch nie dagewesene Darbietung außerordentlicher Ausdauer und Tapferkeit nur eins zu bedeuten hatte: dies waren keine normal Sterblichen. Ihr übermenschliches Kampfvermögen gebot es, dass dieses Jahr sechs Turniermeister ausgerufen würden. Die Zuschauer brachen in Jubel aus. Es begann eine grandiose Feier, und noch lange diskutierten die Zuschauer über dieses erstaunliche Schauspiel, das sich über den vergangenen Tag hinweg vor ihren Augen abgespielt hatte. Und so wurde die Legende von den sechs Meistern geboren.

 

Kapitel 4 – Feind von außen, Feind von innen
 

[Teil 1]

Zwei Jahre nach dem Kung-Fu-Turnier auf dem Feengipfel des Bergs Hua und dem Aufstieg der sechs Meister zur Legende hörten die sechs Meister davon, dass eine umfangreiche Streitmacht fremder Wulin in die Zentralebene eingedrungen sei. Die sechs beschlossen, sich zur Verteidigung ihrer Landsleute zusammenzuschließen, und trafen sich in der Mitte einer weiten Ebene mitsamt all ihrer Schüler und anderen Freiwilligen, die ihnen zur Seite stehen wollten.

Als sich die Eindringlinge näherten, traten die sechs Meister zusammen und schlossen sich wie Brüder in die Arme, sollte es doch möglicherweise das letzte Mal sein. Doch nur kurz währte die Zusammenkunft, da sie sich alsbald den bevorstehenden Aufgaben zu stellen hatten. Sie wandten sich ihren jeweiligen Gefolgsleuten zu und sprachen allesamt von Treue und Tapferkeit, und schworen so die schlecht organisierte Miliz zu einer entschlossenen Kampfgemeinschaft zusammen. Obschon sie zahlenmäßig unterlegen waren, waren sie dennoch durch die unvergleichlichen Fähigkeiten der sechs Meister im Vorteil.

Nach mehreren kleineren Gefechten begann die eigentliche Schlacht. Die Meister stürzten sich ins Getümmel, schlugen jeder eine Bresche in die Reihen der Gegner und beseitigten die gegnerischen Offiziere einer nach dem anderen.

Als sich der Staub gelegt hatte, war jeder Meister umringt von Bergen von Gefallenen - Feinde, Freunde und Schüler gleichermaßen. Guo Jia, Lin Tiannan und Xuan Jian überschauten betrübt das Blutbad um sie herum und fühlten nur Bedauern und Beschämung ob der Ereignisse, derer sie Zeugen geworden waren. Dass die Feinde ihnen keine andere Wahl gelassen hatten, waren sie sich gewahr, und doch verspürten sie einen großen Verlust mit jedem Menschenleben, das sie an jenem Tag direkt oder indirekt beenden mussten.

Hei Baizi hingegen machte angesichts der Begebenheiten des Tages einen gleichgültigen Eindruck. Er schien sich an dem Gemetzel geweidet zu haben und stand abseits, überströmt mit dem Blut von bald hundert Gefallenen.

Lv Ya dagegen setzte den fliehenden Soldaten noch wie besessen nach und wollte sie weiter dafür abstrafen, dass sie sich angemaßt hatten, sich ihm und seiner Stärke entgegenzustellen. Als ein befreundeter Soldat versuchte, seiner Blutrünstigkeit Einhalt zu gebieten, erschlug ihn Lv Ya auf der Stelle, ohne seiner Worte überhaupt Gehör zu schenken. Als die Kunde von der Mordtat die Ohren Xuan Jians erreichte, war dieser empört, spürte Lv Ya auf und konfrontierte den Meister der Klinge, um ihn zu einem Duell der Ehre herauszufordern.

Lv Ya lachte spöttisch über die Dreistigkeit des Shaolin-Mönchs und kehrte dem kleineren Mann verächtlich den Rücken zu. Ein Funken der Wut flammte in den Augen des ernsten Mönchs auf und loderte immer höher bis hin zum Inferno. Jian stürzte sich auf Lv Ya und versetzte ihm einen derartig wuchtigen Hieb, dass dieser glatt vom Boden abhob. Als Lv Ya zu Boden stürzte, entglitt das Schwert seiner Hand und er erbleichte. Der Mönch wandte sich ab, doch hörte er Lv Ya, wie dieser, vornüber gekrümmt auf dem Boden kauernd, einen atemlosen Fluch ausstieß. Nach nur wenigen Schritten gewann der Mönch seine Fassung wieder und realisierte mit Abscheu, wie unbeherrscht er reagiert hatte und was seine Hände angerichtet hatten. Seine eigene Scham mischte sich mit dem noch immer brodelnden Zorn über den sinnlosen Tod eines Unschuldigen, und so sprach er das Urteil über Lv Ya.

"Ihr scheußlicher Meister der Klinge! Wenn ich nur die Hälfte eures Blutdurstes besäße, würde ich euch auf der Stelle töten. Doch stattdessen verbanne ich euch von nun an. Doch gebt gut acht! Solltet ihr jemals wieder Unschuldige zu Schaden kommen lassen, wird unsere Vergeltung keine Grenzen kennen."

Xuan Jian wandte sich von dem gedemütigten Krieger ab, der noch vornüber gebeugt am Boden kniete. Lv Ya richtete sich langsam wieder auf, schwor Rache für diese Erniedrigung und gelobte, seine Technik der Blutigen Klinge bis zur vollkommenen Perfektion zu üben, koste es was es wolle.

Einige Tage später floh Lv Ya aus der Heimat und begann, seine Beherrschung der Techniken und Künste der Blutigen Klinge zu üben. Er tötete jeden, der sich ihm in den Weg stellte, und machte sogar vor Frauen und Kindern nicht halt - er mordete wahllos für das eine Ziel: die Vervollkommnung seiner Fähigkeiten. Mit jedem Mord steigerte sich sein Zorn noch, und sein Schwert wurde im Blut Unschuldiger getränkt. Er hatte geschworen, die Klinge erst mit den Kleidungsfetzen zu säubern, die er am Ende vom leblosen Körper des Mönchs reißen würde.

Ein ganzes Jahr wütete er so mit hemmungsloser Brutalität. Schließlich drang die Kunde davon an die Ohren der anderen fünf Meister. Um das Ansehen der Wulin nicht weiter derart besudelt zu sehen, beschlossen sie, der Sache ein Ende zu bereiten. Nach eingehender Beratung wurde der Jiugong-Schwertmeister auserwählt, ein für allemal Recht walten zu lassen.

Nachdem er den Meister der Blutigen Klinge mehrere Wochen verfolgt hatte, spürte er den Verbrecher schließlich auf und die zwei standen sich endlich gegenüber.

Der Jiugong-Schwertmeister schritt auf die verdorbene Hülle eines Mannes zu, den er einst einen Bruder nannte. Er richtete sein Schwert auf Lv Ya und flüsterte "Böse Blutige Klinge, ihr habt den Namen der Wulin lange genug geschändet. Euer Terror endet nun." Die beiden stürzten kopfüber aufeinander zu, die Schwerter hocherhoben. Einige rasche Hiebe später war klar, dass die letzten Monate des Trainings, dem so viele unschuldig Dahingeschlachtete zum Opfer gefallen waren, Lv Yas Technik enorm verbessert hatte. Seine gewachsene Geschwindigkeit und Stärke konnten sich fast mit seiner gewalttätigen Boshaftigkeit messen. Es schien schon so, als ob Lv Ya die Oberhand gewinnen könne, schmeckte sein Schwert doch einige Male Blut, doch konnte er seinen Gegner nicht überwinden. Das Kräftemessen hielt drei Tage und drei Nächte an, doch wich keiner der beiden auch nur einen Moment lang zurück.

Als die dritte Nacht dämmerte, erkletterte ein voller Mond den Nachthimmel und glühte, als ob er in Flammen stünde. Dem Anschein nach schien er sein Licht direkt auf die Höhe der Verbotenen Stadt, wo der Kampf stattfand. Die zwei Champions machten sich aufs Neue bereit. Der Jiugong-Schwertmeister schien vom Mondlicht gestärkt. Sein Schwert in einer seltsamen Weise haltend, schloss der Krieger die Augen und holte tief Luft.

Lv Ya vermutete einen Moment der Schwäche, stürzte auf seinen vermeintlich nichtsahnenden Kontrahenten zu und erhob seine Waffe in den Nachthimmel, um den Todesstoß zu setzen. Das blitzende Mondlicht auf seiner blutverschmierten Klinge verlieh der Waffe den Anschein von Feuer, wie sie so über dem Haupt des bösen Meisters der Blutigen Klinge hing.

Als Lv Ya in Schlagweite war, schnellte er hoch in die Luft und mobilisierte all seine Kraft, um den Schwertmeister niederzustrecken und ein für allemal seine überlegene Klingenführung unter Beweis zu stellen. Als er sich jedoch in der Luft befand, öffnete der Jiugong-Schwertmeister plötzlich die Augen, die im Mondlicht weiß schimmerten.

Der Meister der Blutigen Klinge geriet in Panik und zögerte mitten im Sprung. Was ihm als Nächstes gewahr wurde, war ein riesiges Schwert, das sich geradewegs in seinen Fall richtete. Die zwei Schwerter klirrten in der Luft aufeinander und Feuer und Eis prallten mit derartiger Wucht zusammen, dass ein leuchtender Blitz beide Männer blendete. Ein lauter Knall, als ob gefangener Donner sich endlich befreite, erschütterte die stille Nacht und warf beide Männer zu Boden.

Der Jiugong-Schwertmeister schüttelte als erster seine Benommenheit ab. Er sprang auf die Füße, sein Schwert noch in der Hand, und besah sich das Chaos ringsum. Die beiden Männer waren von versengter Erde umgeben. Lv Ya lag in der Nähe, mehr erschrocken als verletzt. Seine Blutige Klinge lag zerschmettert neben ihm. Als der Übeltäter seine Sinne wiederfand, stolperte er auf die Füße, entgeistert angesichts des miterlebten Vorfalls. "Wer SEID ihr!” schrie er, die Qual der Niederlage im Moment des Sieges noch ins Gesicht geschrieben.

Der Jiugong-Schwertmeister streckte sich träge, während er die Lumpen von seinem Gesicht und Hals zog, als ob sein Körper von den getragenen Kleidern eingeengt gewesen wäre. Lv Ya schnappte nach Luft, als er sah, welche Wunden er seinem Kontrahenten über die letzten drei Tage des Kampfes beigebracht hatte. Lv Ya war so entsetzt, dass er kaum die Worte seines Gegenübers vernahm, als dieser flüsterte, "ich bin das Werkzeug eurer Vergeltung".

Lv Ya stand einfach da und brachte kein Wort heraus. Er blickte auf seine zerborstene Klinge und seufzte. Ein seltsamer Anblick der Erleichterung huschte über sein Gesicht und er lächelte schwach. Er drehte sich zum Schwertmeister um, als ob er sich gerade erst wieder an dessen Anwesenheit erinnerte, und sagte einfach "ich bin müde". Er wandte sich zur Großen Wüste um und lief, bis seine Füße bluteten. Doch kam er dort auch nicht zur Ruhe, wurde er doch stetig von den Gedanken an seine Schandtaten umgetrieben, die er mit Aufnahme der Blutigen Klinge begangen hatte. Sechs Monate nach seiner Begegnung mit dem Schwertmeister starb er alleine und in Trauer, den Horror vor Augen, der seinen Namen fortan beflecken sollte.

 

[Teil 2]

Nach Lv Yas Fortgang ins Exil blieben nur noch fünf Meister übrig. Ihre Wege führten sie immer weiter auseinander, jeder von ihnen schlug eine andere Richtung ein.

Hei Baizi stand durch sein absonderliches Gebaren weiterhin jenseits von Gut und Böse. Als er durch die westlichen Ländereien reiste, fand er Unterschlupf im Da-Lun-Tempel. Eines Abends wurde im Tempel ein Wettbewerb veranstaltet, zu dem sich einige der bekanntesten Shaolin-Kämpfer der Gegend eingefunden hatten.

Hei Baizi konnte der Versuchung nicht widerstehen, seine Künste unter Beweis zu stellen. Er erhielt das Los, der Küchenhilfe des Tempels gegenüberzutreten. Die Küchenhilfe kauerte vor Hei Baizi, der trotz seiner kümmerlichen und schlichten Gestalt mit seinem scharfen Blick ganze Armeen erstarren lassen konnte. Der Meister lachte in seiner tiefen, missbilligenden Art auf und verstummte urplötzlich wieder. Seine heitere Miene verschwand ebenso rasch, wie sie gekommen war. Der Bursche bereitete sich so gut es ging auf die Auseinandersetzung vor, doch wussten die anwesenden Mönche nur zu gut, dass er nicht die geringste Chance hatte.

Hei Baizi bezwang ihn rasch und mühelos mit der ihm eigenen Finesse. Doch dieses Mal schien seine Verbissenheit stark überzogen und unangemessen, und die anderen Mönche gaben ihm mit ihren Blicken zu verstehen, dass sie in ihm nur noch den stolzen, alten Narr sahen. Als er merkte, wie alle Aufmerksamkeit der sich vor Schmerz krümmenden Küchenhilfe galt und nicht ihm, schlich sich Hei Baizi aus dem Tempel, gewahr, dass er an dieser Stätte nicht mehr willkommen war. Das Letzte, was die Mönche oder irgendjemand sonst noch von ihm jemals sehen sollten, waren seine halb trotzigen, halb enttäuschten Schritte die Tempelstufen hinunter.

Im Anschluss an seinen Sieg über Lv Ya nannte sich der Jiugong-Schwertmeister fortan Jiu Gong der Weise. Er machte sich auf den Weg zurück zum Berg Jiu Gong. Wer ihm auf seiner Reise begegnete, beschrieb ihn als klein und gebrechlich, verglichen mit seiner sonst so beeindruckenden Größe. Selbst sein Schwert machte den Eindruck, mit ihm zu schrumpfen, und die ihn stets einhüllende Dunkelheit schien sich erstmals zu lüften. Seine Lumpen fielen Stück für Stück von ihm ab, und schließlich war sein Gesicht gänzlich entblöst: verwittert und mit Narben überzogen, doch von seinen Errungenschaften und der Güte aufgehellt, die er stets im Kampf verteidigt hatte. Sein Plan war, sich leise in seinem Heimatdorf zur Ruhe zu setzen.

Was den General Guo Jia anging, wählte er einen ähnlichen Weg und erklärte sich zum Ältesten der Wundersamen Vorausschau. Er wurde zwar von vielen Wissensdurstigen aufgesucht, um etwas von seiner Weisheit und seinen Techniken zu lernen, doch zog Guo Jia es meist vor, sich zurückzuziehen und sich auf seine eigenen Studien zu konzentrieren. Sein allerhöchstes Bestreben wares, die Kunst der Unsichtbarkeit zu meistern. In seinen vielen Kämpfen hatte er nämlich oft die Empfindung gehabt, für einen kurzen Moment zu verschwinden, um seinen Widersacher besser angreifen zu können. Er hoffte nun, diesen Augenblick einzufangen und zu verlängern, um eine bis dahin unerreichte und unbekannte Ebene der Macht zu erklimmen. Darüber hinaus beschäftigte er sich intensiv mit taoistischer Magie und konzentrierte seine Energie auf seinen geistigen Fortschritt.

Der Mönch Xuan Jian fuhr damit fort, seine Kampfkünste weiter zu perfektionieren, und verbrachte seine Tage und Nächte in der Tempelbibliothek, wo er sich in Schriften vertiefte, um ein volkommenes Verständnis der Shaolin-Künste zu erlangen. Seine scharfen Augen, für die er im Kampf so bekannt war, richteten sich nun vollständig auf die Seiten alter Manuskripte. Dabei verlor er sich dermaßen in seinem Streben nach Perfektion, dass er seine Pflichten vernachlässigte, seinen Gefährten zu dienen und Menschen in Bedrängnis zu retten. Als er schließlich sein Versäumnis begriff, seine wahre Mission vernachlässigt zu haben, verließ er bestürzt den Shaolin-Tempel und zog in unbekannte Lande davon, als Selbstgeißelung für seine Verbohrtheit und Eigensinnigkeit.

Damit blieb nur Lin Tiannan als der letzte verbleibende Wulin-Anführer zurück. Er verteidigte weiterhin den Xia-Code und war ständig auf Reisen. Er gab bereitwillig sein Wissen an Schüler weiter, die wie er früher selbst ebenso danach strebten, die größten Kampfkünstler zu werden, die die Welt je gesehen hatte.

Währenddessen wurde eine neue Schule, die Junzi, gegründet. Der mittlerweile weitbekannte „ungeliebte Sohn“ Xiao Bieqing von der Bergvilla Wansu begegnete dem „Meister des jadegrünen Schreibstifts“ Shi Yanbing. Sie merkten, wieviel sie gemein hatten, und wurden sehr schnell enge Gefährten. Sie beschlossen die Junzi-Gruppierung zu gründen und Gleichgesinnte um sich zu scharen, die die Kampfkünste so einschätzten wie sie selbst auch: dass es sich nämlich hierbei um eine Disziplin handelte, die grundsätzlich mit anderen Künsten wie Musik, Dichtung und Kalligraphie zu vergleichen war.

Beim „ungeliebten Sohn“ Xiao Bieqing handelte es sich um den früheren Xiao Tianqing, dem jüngsten Sohn von Xiao Hongwan. Von der Bevölkerung Jianghus wurde dies aber nicht wahrgenommen. Nicht einmal sein eigener Bruder Xiao Tianfang, mittlerweile Anführer der Bettlersekte Gai, erkannte ihn wieder. Xiao Bieqing wiederum wollte seinen Bruder ob dessen ehrhaften Ansichten nicht in Verlegenheit bringen und gab sich ihm genauso wenig zu erkennen wie allen anderen. Abgesehen davon hatte Xiao Bieqing sehr unter dem frühen Verlust seiner Mutter gelitten. Um ihr Wertschätzung zu erweisen, hatte er sogar ihre Denkweise übernommen und betrachtete alle der Gerechtigkeit dienenden Sekten, und demnach auch die Gai, als Heuchler. Gemeinsam mit Shi Yanbing wurde so der Beschluss gefasst, die Schule der Gelehrten, die Junzi, zu einer weiteren neutralen Schule ähnlich der Tang zu entwickeln. 
 


Kapitel 5 – Ein neuer Herrscher bringt Blut über den Schneeberg

Das Jahr 1398 sah den Tod des Kaisers Zhu Yuanzhang, und sein Enkel Zhu Yunwen bestieg den Kaiserthron. Dem neuen Machthaber konnte man aber genauso wenig trauen wie seinem Großvater zuvor – er wünschte nichts so sehr wie die Eindämmung, ja Auslöschung der lokalen Kräfte im Jianghu. Allerdings war er nicht der einzige, der ein scharfes Auge auf das Jianghu geworfen hatte. Zwei andere machtbesessene Männer, Zhu Jing und Zhu Di, beides Onkel Yunwens, schmiedeten ihre eigenen Strategien, um Macht über die Wulin-Schulen zu gewinnen und deren Einfluss auf die Bevölkerung zu brechen.

In dieser Zeit gewann Zhu Jings königliche Residenz der Qing in Luoyang mehr und mehr an Macht. Zhu Jing bezeichnete sich oft selbst als Wulin. Er legte großen Wert darauf, dass die Sekten in seinem Einflussbereich immer willkommen waren, und war deren Anführern freundlich gesonnen. Er widersetzte sich vehement dem kaiserlichen Hof und versuchte immer wieder, Allianzen gegen den Kaiser zu schmieden. Insgeheim hegte er jedoch großspurige Pläne, die ihn selbst auf dem Kaiserthron sahen anstatt seinen zu Unrecht gekrönten Neffen, sah er sich doch als rechtmäßigen Thronfolger. Seine Absichten sollten am Ende mehr Gefahr bringen als von allen erwartet.

Schon im zweiten Jahr der Herrschaft Zhu Yunwens entschied sich Zhu Di, der Lehnsherr der Yan, ebenfalls gegen den Hof seines Enkels zu rebellieren. Er fühlte seine eigene Autorität in der Gegend untergraben vom Kaiserhaus. Allerdings spiegelte er im Gegensatz zu Zhu Jing nie irgendwelche Gemeinsamkeiten oder Verbindungen mit den Wulin vor und sollte sich über die Jahre zu ihrem größten Feind entwickeln.

Währenddessen übte der verhasste Anführer des Geheimbundes der Stadt Lin Xiao auf dem Schneeberg eine Herrschaft des Schreckens und der Tyrannei aus. Die Stadt stellte die zweite Macht auf dem Schneeberg dar. Dies veranlasste den Wulin-Meister und Mönch Xuan Jian, von seinem selbstauferlegten Exil zurückzukehren und die Rolle eines einfachen Straßenfegers zu übernehmen, um sich so um die Stadtbewohner kümmern zu können und den tyrannischen Herrscher im Auge zu behalten. Seine Zeit der Abwesenheit von den Wulin und der Shaolin-Bruderschaft hatten ihm viel Gelegenheit gegeben, seine eigene Berufung zu überdenken, und als er von den Ärgernissen auf dem Schneeberg hörte, realisierte er, dass dies die Gelegenheit war, seine früheren Versäumnisse gegenüber Hilfebedürftigen wiedergutzumachen.

Als Straßenkehrer war es ihm möglich, wichtigen Gesprächen heimlich zu lauschen und das Kommen und Gehen der maßgeblichen Persönlichkeiten der Stadt zu verfolgen, ohne dass irgendjemand Verdacht schöpfen würde. So erfuhr er aus erster Hand, wer bestochen oder anderweitig genötigt wurde, dem Geheimbund beizutreten. Er nutzte sodann seine internen Kontakte, um die bösen Absichten des Bundes weiterzugeben an diejenigen, die sie hören mussten. So erstickte er viele Versuche des Anführers im Keim, die Bevölkerung durch Bestechung auf seine Seite zu ziehen.

Im dunklen Winter desselben Jahres gewann auch der Geheimbund des Esoterischen Buddhismus an Einfluss auf dem Berg. Mit dem Moment der Überraschung auf ihrer Seite, überfielen sie die Erste Kraft eines Nachts – Mitglieder der bösen Sekte fielen über die Familien im Schlaf her und viele Unschuldige wurden im Mondlicht kaltblütig niedergemetzelt. Der Bund hatte zunächst versucht, sich heimlich in die Stadt einzuschleusen, um die örtlichen Familien wie schon in der Stadt Lin Xiao zu unterwandern und dazu zu bewegen, der geheimen Organisation beizutreten. Als sich die herrschende Sippe auf dem Schneeberg diesen Versuchen mit großer Entschlossenheit und großem Mut widersetzte, wurden sie in jener einen Nacht vollkommen ausgelöscht. Lediglich ein einsames Waisenmädchen schaffte es, den Strahlen des hellen Mondlichts auszuweichen und den Mördern unerkannt zu entkommen. Schließlich wurde es von einem durchreisenden Wulin gerettet und mitgenommen...

 

Kapitel 6 – Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte
 

[Teil 1]

Im Jahre 1403 startete Zhu Di einen groß angelegten Feldzug mit dem Ziel, Jingnan einzunehmen, und bald darauf besetzte er auch die Hauptstadt. Er verdrängte seinen Neffen vom Thron und wurde so zum Kaiser der Ming-Dynastie. Ursprünglich hatte Zhu Di vorgehabt, den geheimen kaiserlichen Erlass Zhu Yuanzhangs weiterzuverfolgen, der das Ziel hatte, die Wulin-Kräfte in Jianghu auszumerzen. Allerdings waren diese mittlerweile derart erstarkt, dass Zhu Di zu dem Schluss kam, dass sie bis auf weiteres nicht zu bezwingen waren. Er verlor sogar die Kontrolle über einige seiner kaiserlichen Abgesandten im Jianghu. Das Kaiserreich war am Tiefpunkt angelangt, die Wirtschaft lag am Boden und das Land war von den anhaltenden Truppenbewegungen und Schlachten verwüstet. Zhu Di brauchte eine Strategie, um das Kaiserreich zusammenzuhalten, den Thron zu retten und Abtrünnige zu unterdrücken, damit er sich letztendlich an der Macht halten und das Vertrauen der Bevölkerung wiedergewinnen könnte. Er wusste, dass die Wulin in dieser Hinsicht seine größte Herausforderung darstellten, und so schmiedete er insgeheim Pläne, um sämtliche Aufstände gegen den Thron niederzuwerfen.

Teil seines ausgetüftelten Plans war die Entsendung einiger seiner gerissensten Abgeordneten, um die Wulin-Sekten zu unterwandern. Nach dem Eindringen in die Sekten hatten sie Befehl, Zweifel und Misstrauen zwischen den Sekten zu säen und die Bündnisse zu zerbrechen. Die Intrigen zeigten Wirkung, und Streitereien brachen zwischen den verschiedenen Schulen aus. Wie das Sprichwort sagt, wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte – Zhu Di sah sich dies alles aus der Entfernung mit Genugtuung an und rieb sich mit hämischer Freude die Hände, während seine Spione wie geplant weiter Zwietracht stifteten.

Eines der Gerüchte, das diese falschen Wulin ausstreuten, sprach davon, dass sich eine mysteriöse Schatzkarte in der Burg der Tang-Familie verbergen sollte, die angeblich den Weg zum Manuskript der neun Yin wies. Demnach sollte sich dieses Manuskript im Besitz des Jiugong-Bergheiligtums befinden. Damit wäre auch eine Erklärung gefunden worden, wie der Jiugong-Schwertmeister vor Jahren den übermächtigen Lv Ya bezwingen konnte. Das Manuskript wurde nämlich in der Welt der Wulin als ultimative Anleitung zur Erlangung riesiger Macht angesehen, und wenn die Bevölkerung anfing zu glauben, es befände sich in den Händen des Jiugong-Ältesten, würden sie eher ihn als den Kaiser fürchten. Als die Gerüchte sich weiter verbreiteten, wusste das Volk nicht mehr, wem sie vertrauen konnten, genau wie der Kaiser es geplant hatte.

Wie von Zhu Di angewiesen, provozierten die Spione auch einen Kampf zwischen der Gai-Sekte und der zwölffachen Festung. Nachdem damit nun die neutralen und die bösen Sekten ausreichend geschwächt worden waren, ging Zhu Di noch einen Schritt weiter und versuchte sogar, die Gemeinschaft der Gerechtigkeit zu zerschlagen. Er wusste auch schon genau, welche Gerüchte er streuen musste, damit seine Falschmeldungen sich wie ein Lauffeuer durch das gesamte Kaiserreich verbreiten würden. Er musste den Menschen von Jianghu nur Glauben machen, die Shaolin befänden sich im Streit mit den Wudang- und Emei-Schulen. Ein großer Aufruhr würde ausbrechen, wenn die Bevölkerung glaubte, ihre Bastionen der Gerechtigkeit würden brüchig. Die Menschen würden sich gänzlich wehrlos fühlen und wären am empfänglichsten für einen manipulativen neuen Anführer - ihn.

Der Wulin Mengzhu Lin Tiannan, seines Zeichens Anführer aller Wulin, war immer noch aufrichtig dem Code des Xia verschrieben wie eh und je. Mit seinem untrüglichen Sinn für Gerechtigkeit widerstand der Meister der Versuchung, Zhu Dis schändlichen Gerüchten zu trauen, und machte seine eigenen Erkundungen, um deren Falschheit zu entlarven. Sobald er keinerlei Zweifel mehr hatte, dass das Bündnis der Gerechtigkeit weiterhin Bestand hatte, knüpfte er seine eigenen Kontakte, verbreitete die Wahrheit über Zhu Dis Verschwörung und bewahrte so Jianghu vor der Selbstzerfleischung in den Wirren, die Zhu Di so anzufachen wünschte.

 

[Teil 2]

Trotz der Schwierigkeiten beim Unterwandern der Wulin-Schulen war Zhu Di völlig versessen darauf, dem Volk seinen Willen aufzuzwingen. Er entschloss sich, größere Anstrengungen zu unternehmen und eine spezielle Eingreiftruppe aufzustellen, die seine Machtgelüste in Taten umsetzen würde. Die Königliche Garde schien für diesen Zweck wie geschaffen. Ihre ursprüngliche Rolle unter dem früheren Kaiser Zhu Yuanzhang war es gewesen, Abgesandte der Regierung auszuspionieren und deren illegalen Aktivitäten Einhalt zu gebieten, doch Zhu Di erweiterte ihren Spielraum und übertrug ihnen persönliche Aufträge, um die Wulin niederzuhalten. Sie hatten freies Geleit und konnten nach eigenem Gutdünken handeln, um die ihnen gesetzten Ziele durchzusetzen.

Mit derart weitreichenden Befugnissen und praktisch unbegrenzten Mitteln wurden die Mitglieder der Königlichen Garde zunehmend überheblich und handelten immer mehr mit purer Willkür. Sie prahlten mit ihrer Unabhängigkeit, lösten Neid und Missgunst aus und kränkten andere Militärführer mit ihrer Dreistigkeit. Sie zeigten keinen Respekt vor traditionellen militärischen Bräuchen und ordneten sich nicht der Hierarchie unter, der die anderen Soldaten und Offiziere gehorchten.

Dies führte dazu, dass der mächtige Kopf der Östlichen Kammer, der Eunuch Hou Xian, Abgesandte zu den Offizieren schickte, die von der Königlichen Garde beleidigt wurden. Die Abgesandten streuten Gerüchte, die Mitglieder der Königlichen Garde würden eine Rebellion gegen den Kaiser planen. Der Grund hierfür lag jedoch tiefer: die Östliche Kammer setzte sich aus ehemaligen Königlichen Garden zusammen, die zuvor dem Ruf Zhu Dis nicht gefolgt waren. Der Anführer Hou Xian ärgerte sich sehr darüber, welche Macht die anderen Garden mittlerweile angesammelt hatten, und bereute seine Entscheidung, sich vom Kaiser abgewandt zu haben. Er schwor sich, einen Weg zu finden, um die Machtfülle der hochmütigen Garde einzudämmen.

Der Kaiser Zhu Di war sich schon bewusst, dass die Garden außer Kontrolle geraten waren, doch wollte er von den Rebellionsgerüchten nichts wissen. Er warnte sie lediglich, bei ihren Aktivitäten etwas vorsichtiger und diskreter vorzugehen. Er verlor auch langsam die Geduld mit denjenigen, die seine Anweisungen missachteten. Doch ahnte er noch nicht, wie unberechenbar sie einmal werden sollten.

Als die Königliche Garde nämlich Nachforschungen in Jianghu durchführten, entdeckten sie beim Auskundschaften von Kampftechniken durch Zufall die unheilvolle Kung-Fu-Technik „Suras Yin“. Diese Technik aus den westlichen Provinzen war außerordentlich gefährlich und hatte das Potenzial, weit und breit Chaos und Verwüstung zu stiften. Bei den Opfern überzog sie den gesamten Körper mit Eiseskälte und erfüllte den Geist des Kämpfers, der diese Kampftechnik anwandte, mit einer derartigen Gefühlskälte und Herzlosigkeit, dass er sich zu einem skrupellosen Schlächter wandelte.

Angesichts dessen drängte Huang Puyao, der stellvertretende General der Garde, seinen Anführer, den General Ji Gang, diese Technik zu kultivieren, da sie die Kampffähigkeiten der Garden unendlich steigern würde. Ji Gang gab seinen Wünschen nach und die Männer begannen, Suras Yin zu lernen. Wie zu erwarten, erfüllte das Praktizieren dieser furchterregenden Kung-Fu-Technik die Gardekämpfer mit wachsender Grausamkeit und entriss ihnen den letzten Funken Mitgefühl, den sie vielleicht noch besessen hatten. Sie wurden völlig empfindungslos, hartherzig, grausam, und waren von niemandem mehr zu bändigen.

Als er von der Entwicklung der Dinge erfuhr, war Zhu Di außer sich vor Zorn. Er schritt die Palasthalle auf und ab und überlegte, was zu tun war. Es war ihm nicht nur misslungen, die Wulin auszumerzen, nein – nun liefen ihm auch noch seine eigenen Leute davon, angelockt von demselben Kung Fu, das sie eigentlich bekämpfen sollten. Seine Wut ebbte nicht ab, und er wusste, dass er Ji Gang bestrafen musste, um ein Exempel für seine anderen Generäle und Offiziere zu statuieren: wer es zuließ, dass seine Untergebenen den Kaiser Zhu Di hintergingen oder im Stich ließen, hatte sein Leben verwirkt.

Ji Gang wurde in den Palast berufen. Er traf erschöpft und bedrückt ein, wohl wissend, welches Schicksal ihn erwartete. Er flehte den Kaiser an, ihn anzuhören, wollte er ihm doch erklären, dass es Huang Puyao gewesen war, der ihn zu diesem Plan gedrängt hatte, der nun so völlig aus dem Ruder gelaufen war. “Schweigt!” schnaubte Zhu Di, der keinerlei Ausflüchte hören wollte. Er musste fest bleiben. Er rief den Henker herbei, der Ji Gang an Ort und Stelle auf den Palaststufen hinrichtete. Zhu Di wandte sich mit ernster Miene ab: traurig, einen Mann zu verlieren, dem er so völlig hatte vertrauen können, und angewidert vom Zustand seines Reiches.

Währenddessen standen die rebellischen Garden weiterhin zu Huang Puyao. Er führte sie aus der Hauptstadt, doch mussten sie sich dabei wiederholt gegen Zhu Dis Kräfte durchsetzen. Mitgefühl für ihre Opfer waren ihnen fremd. Die Bresche, die sie auf ihrem Rückzug schlugen, war gezeichnet von Toten – ihren Freunden, Verwandten, ja sogar Brüdern. Jeder, der es wagte, ihnen entgegenzutreten, wurde ohne Rücksicht aus dem Weg geräumt.

Nachdem sie nun endlich dem kaiserlichen Einflussbereich entkommen waren, stießen auch die Mitglieder der östlichen Kammer unter Hou Xian wieder zu ihnen. Mit den alten Mitkämpfern wiedervereint, verbanden sie sich zu einer Wulin-Sekte des Bösen und nannten sich Jinyi. Sie begannen, Pläne zu schmieden, die Wulin-Sekten der Gerechtigkeit zu überfallen. Doch bald stellten sie fest, dass sie dafür wohl Verstärkung brauchen würden. Mit ihren ähnlichen Zielen und Fähigkeiten schien die Geheimsekte des Tals der Glückseligkeit die ideale Wahl als Verbündete. Die beiden Schulen des Bösen würden von nun an zusammenarbeiten, um die Macht der Schulen der Gerechtigkeit in Jianghu in Zaum zu halten.

Derweil stieg der Bekanntheitsgrad der königlichen Residenz der Qing, weil sie eine immer einflussreichere Rolle in der Region spielte. Dessen Vorsteher, Zhu Jing, stand auch weiterhin in der Gunst der Wulin, weil er in Jianghu gute Taten vollbrachte und die Wulin mit Geschenken überhäufte. Das Gerücht machte sogar die Runde, dass Lin Tiannan Zhu Jing als sein Nachfolger als Wulin Mengzhu heranzog. Sehr zum Verdruss seines Bruders, des Kaisers, gelang es Zhu Jing, ein führender Kopf in Jianghu zu werden – dem einzigen Ort, der sich dem Einfluss Zhu Dis entziehen konnte.

 

Kapitel 7 – Die Jäger werden zu Gejagten
 

[Teil 1]

Lin Tiannan hörte schließlich selbst davon, dass das lange verloren geglaubte Manuskript der neun Yin wieder in Jianghu aufgetaucht sein sollte. Er beschloss, seine eigenen Nachforschungen anzustellen und der Sache auf den Grund zu gehen. Es war ihm zuwider, wie diese Falschmeldungen weiter die Runde machten und das Volk veranlassten, überstürzte Entscheidungen zu treffen.

Den Gerüchten zufolge sollte sich das Manuskript in den Händen von Jiu Gong dem Weisen befinden, der erst kürzlich von diesem schändlichen Gerede über ihn erfahren hatte. Nun machte er den ersten Schritt und lud Lin Tiannan in sein Dorf ein, bevor dieser sich selbst unangemeldet blicken lassen konnte. Obwohl sich die beiden Wulin-Meister einst sehr gut gekannt hatten, war es doch Jahre her, seit sie sich das letzte Mal gesprochen hatten. Beide waren entsprechend angespannt, sich wieder gegenüberzustehen, wussten sie doch nicht, ob und wie sich der Andere über den Zeitraum hinweg verändert hatte und ob sie immer noch beide dieselben Überzeugungen hatten wie damals. Jiu Gong der Weise war erleichtert, seinen alten Freund wiederzuerkennen, als sich dieser der Residenz näherte. Lin Tiannan freute sich gleichermaßen, dass das altbekannte Lachen noch nicht vom Gesicht des früheren Meisters verschwunden war.

Wenig später, als die beiden bei Tee und einem köstlichen Mahl Erinnerungen austauschten, begann Lin Tiannan sich wohler zu fühlen und vertraute sich Jiu Gong an. Er erläuterte die Gerüchte und ließ seinen Freund wissen, dass es sicherlich eine Lösung gab, sollte sich das Manuskript tatsächlich in seinem Besitz befinden – doch musste er die Wahrheit wissen. Jiu Gong der Weise lächelte über die Anfrage seines Freundes und versicherte ihm, dass keine wie auch immer geartete Lösung nötig sei. Er versicherte, dass er das Manuskript niemals auch nur zu Gesicht bekommen hätte. Sein Sieg über Lv Ya war möglich gewesen, da er bei einem Kung-Fu-Meister vom südlichen Meer viele Monate lang eine spezielle Ausbildung genossen hatte.

Lin Tiannan war über diese Antwort zwar schon erleichtert, doch gab Jiu Gong nicht gerade viele Einzelheiten über den Meister vom südlichen Meer preis. Zum Beispiel behauptete er, über die Jahre vergessen zu haben, von welchem Tempel er stammte. Und so war sich Lin Tiannan in diesen Tagen nie sicher, ob seine Verdachtsmomente begründet waren oder er sich schon der Paranoia ergab. Er wollte seinem alten Freund schon gerne glauben, doch angesichts der aktuellen Geschehnisse in Jianghu konnte er nicht sicher sein.

Als er Lin Tiannans Zögern spürte, fragte Jiu Gong der Weise, ob etwas nicht stimme. “Mein lieber Schwertmeister,“ antwortete Lin Tiannan, „eine geheime Kraft versucht, die Wulin zu unterwandern. Ich weiß, dass ihr eure Künste nicht mehr praktiziert, doch sollt ihr wissen, dass ich in diesen Tagen zutiefst besorgt und betroffen bin. Ich kann mir nicht mehr sicher sein, ob ich denen, die ich als Vertraute ansehen würde, noch vertrauen kann.” Lin Tiannan fuhr fort, das Aufkommen der geheimen bösen Sekten zu schildern, und wie der Esoterische Buddhismus die Kräfte auf dem Schneeberg so einfach weggefegt hatte. Da er nun einen Nachfolger für sein Amt suchte, hatte er große Angst davor, die falsche Wahl zu treffen und das Vertrauen des Volkes einer Person mit finsteren Absichten zu übergeben.

Als er so dieses Dilemma mit Jiu Gong besprach, kam ihm plötzlich eine Idee: er würde einfach die Position des Wulin Mengzhu unbesetzt lassen und als amtierender Amtsinhaber in Ruhestand gehen. Auf diese Weise hielte niemand die Macht über die Schulen in Händen, und die Schulen wären zumindest so lange vor den zerstörerischen Einflüssen sicher, bis er sich Klarheit darüber verschafft hätte, was die wahren Absichten der Bewerber für diese Position waren. Diese Lösung gefiel ihm sehr und Jiu Gong der Weise stimmte ihm zu, dass es wohl das Beste war, die Macht derer zu beschneiden, die am meisten darauf erpicht schienen.

Lin Tiannan hatte bei seinem Besuch einen jungen Offizier mitgebracht und empfahl diesen Jiu Gong dem Weisen an, da der Offizier etwas Wegweisung nötig hatte. Bei ihm handelte es sich um Zhang Danfeng, dem Enkel des Da-Zhou-Herrschers Zhang Shicheng. Zhang Shicheng hatte einst gegen Zhu Yuanzhang gekämpft, um die Kontrolle über sein Königreich in Zentralchina zu behalten, musste sich aber nach einer denkwürdigen zehnmonatigen Belagerung geschlagen geben. Gegen Ende der Belagerung, als sich die Niederlage abzeichnete, hatte Zhang Shicheng aus Sicherheitsgründen seinen Enkel zu einem Freund außerhalb Chinas bringen lassen. Er versteckte auch Zhang Danfengs Schwester Zhang Danling in einem abgelegenen Landhaus am Dongting-See. Da nun die Geschwister getrennt waren, bewältigten sie ihre Vertreibung ins Exil sehr unterschiedlich. Während Zhang Danfeng Potenzial zeigte, ein ambitionierter und sachkundiger Offizier zu werden, wuchs seine Schwester zu einer hochbegabten Schönheit heran, die noch lange nicht den Krieg vergessen hatte, der sie von ihrer Familie weg in die Flucht getrieben hatte.

 

[Teil 2]

Siebzehn Jahre nach ihrer Trennung wurden Zhang Danfeng und Zhang Danling schließlich wieder vereint, doch waren ihre weiteren Absichten unterschiedlicher denn je. Zhang Danling schmiedete Pläne, durch Übernahme der Ming-Dynastie ihren Großvater zu rächen. Sie wünschte sehr, dass ihr Bruder ihr zur Seite treten würde bei ihrem Anliegen, das Reich ihres Großvaters wieder aufzurichten. Sie fühlte, dass sie beide es ihrer Familie schuldeten, seine Herrschaft zeitlebens zu verteidigen.

Zhang Danfeng konnte jedoch mit derartigen Rachegelüsten nichts anfangen und lehnte es ab, der Allianz seiner Schwester beizutreten. Er konnte die Menschen um sich herum nicht im Stich lassen, die Not litten und einen weiteren Krieg nicht überstehen würden. Er entschied deshalb, sein Leben in den Dienst der Stabilisierung des zivilen Lebens zu stellen und denen zu helfen, die nichts mehr hatten. Während seine Schwester sich von Groll getrieben zu einer scharfsinnigen Strategin entwickelt hatte, hatte er seinen Schmerz in positive Wege zu lenken gewusst. Und so hatte er auch solches Ansehen als Offizier gewonnen.

Wütend über die ablehnende Haltung ihres Bruders, trieb ihr Zorn Zhang Danling dazu, ihre Fähigkeiten schlau einzusetzen und einer der führenden Berater Zhu Jings zu werden. Ihr Talent für Machenschaften und Intrigen war unvergleichlich, und Zhu Jing erkannte sofort, wie wertvoll sie ihm werden könnte. Obwohl sie all ihre Energie auf diese neue Position verwandte, bewahrte Zhang Danling weiterhin ihre Rachegelüste und wollte nicht vergessen, dass ihr Bruder sie verraten hatte.

Sie versuchte, sich in ihrer Arbeit zu vergraben und an Zhu Jings Ziele zu glauben, die ja gar nicht so weit von ihren eigenen entfernt waren. Doch des nachts, wenn sie eigentlich zur Ruhe kommen sollte, schritt sie in ihrer Kammer auf und ab und dachte zurück an den Tag vor vielen Jahren, als ihre Welt um sie herum zusammenbrach – und ihr Zorn loderte wieder auf.

Als sie davon erfuhr, dass ihr Bruder das Familienerbe an die Armen verteilte, brachte dies das Fass zum Überlaufen. Nicht genug damit, dass ihr Bruder sein eigen Fleisch und Blut verneinte und sie ein weiteres Mal im Stich ließ; nun kümmerte er sich auch noch um genau die Menschen, deren Eltern und Großeltern ihren Großvater betrogen, ihren Namen besudelt und sie ihrer Macht beraubt hatten.

Zhang Danlings Ärger verflog angesichts dessen natürlich nicht. In Jianghu flammten mehr und mehr Konflikte auf. Sie stritt mit ihrem Bruder darüber, was ihre wahre Bestimmung war, und ringsum fassten böse Mächte mehr und mehr Fuß. Die Bevölkerung bemühte sich, die richtigen Anführer in ihrer Mitte zu finden, doch fühlte sich das Volk am Ende wie gefangen zwischen Hammer und Amboss.

The End